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Andrè Kubiczek
"Die Guten und die Bösen" |
Rowohlt Berlin |
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Burn Muckefucker Burn!
Berlin brennt. Wurde ja auch Zeit. Die Rückkehr der Band Fehlfarben ist erfreulich, aber seit es auf ihren Konzerten sogar Flaschenbier gibt, ist von ihnen wohl nichts mehr zu befürchten. Und die Elektropioniere Deutsch-Amerikanische Freundschaft, die Kubiczek im Titel seines zweiten Romans zitiert, sind höchstens noch im Namen provokant, haben sich aber mit ihrer Single „Der Sheriff“ auf die Seite des Gesetzes geschlagen. Dafür knallt es bei Kubiczek. Überall explodieren Bomben oder sorgen ewig gestrige Knallchargen für Unruhe.
Unter der Führung einer Figur namens Leit Wolf haben sich alte Stasi-Schergen zum Kommando Adolf Hennecke zusammengeschlossen und proben die Anarchie, die ihnen als obrigkeitengeistgeschulten Handlangern nicht so recht gelingen will, die aber für unfreiwillige Komik sorgt. Bolèmia Hetschel, Redakteurin beim Fernsehmagazin Flashpixx (jenseits des guten Geschmacks) verwurstet die nächtlichen Aktionen des Goldbrand-Kommandos ebenso wie eine angeblich neuartige Perversion, die in Berlin auftaucht: Das Basteln.
Gebastelt wird viel in diesem Buch voller Überraschungen , am liebsten nach dem Handbuch des Terroristen und am Text selbst. Liest sich der Roman zunächst wie ein Episodenroman, dessen auktoriale Teile nur vom Ich-Erzähler Raymond Schindler, Frührentner und Privatdetektiv, zusammengehalten werden, so stehen am Ende schließlich alle Figuren miteinander in Verbindung und das oft auf die skurrilste und abwegigste Art. Der Autor bedient sich dafür verschiedener Perspektiven, ein Sachverhalt ist mitunter aus dem Blickwinkel von 3 Figuren dreimal verschieden erzählt, der Autor blendet vor und zurück, er verwirrt, macht neugierig, hält den Leser.
Das geht soweit, das ein Kapitel sogar aus der Sicht des Papageis Lord Nelson erzählt wird, der am besten um die ausgeprägte Tierliebe des Abgeordneten Kuno Neppes weiss. Die eigentlichen Anarchisten allerdings heißen Zeus und Zigmund Fraud, aber die Geschichte soll hier nicht erzählt werden, das würde auch nicht funktionieren, so kunstvoll und clever ist der Text arrangiert. Pulp Fiction gesehen zu haben hilft in jedem Fall und über Zivilisationskritik sollte man schon einmal nachgedacht haben, sonst geht der Roman an einem vorbei, wie die Texte von Figur Zampano Dunkel, Chef der Berliner Seiten von Die Zeitgeist. Ein Riesenvergnügen voller Anspielungen, Zitate und lustiger Kapitelnamen. Höhepunkt: Burn Muckefucker Burn. Da müssen Fehlfaben erstmal drauf kommen.
Andrè Kubiczek, Die Guten und die Bösen, Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 18, 90 E,
erscheint am 21.3.03
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Frank Goosen
"Pokorny lacht" |
Eichborn |
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Heaven’s in the backseat of my Cadillac!
Wie schon sein erfolgreiches Debut „Liegen Lernen“ ist auch Frank Goosens zweiter Roman eine Coming-of-age-Geschichte. Im Prolog findet Protagonist Pokorny, der als fahrender Komödiant sein Geld verdient, einen Brief seines Jugendfreundes Zacher, der geheiratet und promoviert hat und ihn zum Essen einlädt. Eigentlich hätte Pokorny eine gute Ausrede gehabt, aber der für den Abend geplante Auftritt bricht ihm weg und so kramt er alte Fotos heraus von der gemeinsamen Abiturfeier und der gemeinsamen Freundin Ellen, von der es heißt, Zacher sei schuld gewesen an ihrem Tod. Die Fotos rufen die alten, zum Teil verdrängten, Erinnerungen wach und so erzählt Goosen in seinem lakonischen, humorvollen Ton auf den folgenden 200 Seiten die Geschichte einer Freundschaft, die immer auch die einer Rivalität war, eine Liebe-Hass-Beziehung.
Die ungleichen Freunde finden als Notgemeinschaft zueinander. Pokorny ist der Sohn eines Schrotthändlers, seinen alten Cadillac mehr liebt, als seinen Sohn. Die Mutter verliert Pokorny früh. So freundet er sich mit Zacher an, dem Außenseiter, wegen des Lebenswandels seiner Mutter verachtet von den Mitschülern , die nichts als die Vorurteile ihrer Eltern auf den ehrgeizigen Jungen projezieren. Wenn die beiden Probleme haben, sitzen sie auf dem Rücksitz des alten Cadillacs und träumen davon , dass das auch in 20 Jahren noch so sein wird. Zacher weiß früh, dass er Anwalt werden will, er ist ein Einzelgänger, der mit seiner Art Erfolg bei den Mädchen hat. Friedrich Pokorny hingegen weiß lediglich , dass die anderen ihn lustig finden, vor allem dann, wenn er es ernst meint. Sein Drang, immer witzig sein zu müssen, verscherzt ihm bei den Mädchen so manche Chance und schließlich taucht Ellen auf. „Sie trug ein kurzes Jäckchen mit einem künstlichen Pelzkragen. Friedrich hätte schwören können, dass sie leuchtete.“ Pokorny studiert schließlich Literaturwissenschaften, entdeckt die Musik von Frank Sinatra für sich und hat seinen ersten unvergesslichen Auftritt in der absurden Szenerie der Wahl der Studentenvertretung. Während Zacher straight seinen Weg geht gerät Pokorny in seinem ewigen Kampf um Liebe in den Strudel der Spaßgesellschaft und ist am glücklichsten, wenn er einsam auf der Bühne steht und die Leute über ihn lachen. Am Tod von Ellen allerdings trägt nicht Zacher allein die Schuld.
Mit Geschichten über das Erwachsenwerden ist es wie mit einer neuen Platte von den Go-Betweens. Erinnerungen werden wach von den ersten Klängen an und wer diese Melancholie mag, wird an Goosens liebevoller Art Details zu erzählen mitgenommen werden.
Frank Goosen, Pokorny lacht, 224 Seiten, Eichborn, 19,90 E
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Franz Dobler
"Franz Dobler 'Johnny Cash und die seltsamste und schöne Welt der Country-Musik'
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Kunstmann |
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Dobler lesen und anders Zuhören oder Cash zurück!
Johnny Cash war immer ein Einzelkämpfer, ein Solitary Man, obwohl er fast ständig mit seiner Frau, der Musikerin June Carter Cash und der kompletten Familie auf Tournee war. Cash hat den Begriff Country nicht verändert, er hat ihn, basierend auf dem Erbe von Hank Williams und Jimmy Rodgers definiert.
Die Kluft zwischen Image und Realität ist in keiner Musik so groß wie im Country und um diesen Widerspruch geht es in Doblers Buch.
Country, und das führt Dobler auf die unterhaltsamsteund spannendste Weise vor, ist eben nicht der amerikanische Schlager, nicht der Hillibillie-Quatsch der zurückgebliebenen Hinterwäldler, der in Deutschland gerne von Kasper-Truppen wie Truckstop karrikiert wird.
„Ich liebe Lieder über Pferde, Autobahnen, Land, Familie, Harte Zeiten, Whiskey, Liebe, Heirat, Erwachsenwerden, Einsamkeit, Mord, Krieg,
Gefängnis, Spielsucht, Verdammnis, Zuhause, Erlösung, Tod, Stolz, Humor, Pietät, Rebellion , Patriotismus, Tragödie, gebrochene Herzen und Gott“
hat Johnny Cash einmal gesagt und die, die sich gern abfällig über Country äußern, suchen sich aus diesem Katalog gern den Begriff, der auf ihrem Kampfkanon ganz vorn steht, in Deutschland ist das vornehmlich
Patriotismus, ein Begriff, der in den USA historisch eine andere Bedeutung hat und leider auch zu den widersprüchlichsten Verhaltensweisen führt. Dobler gelingt es vortrefflich weder dem amerikanischen Traum das Wort zu reden, noch führt er eine abgehobene Diskussion des Apologeten, der einem Deutschen Lesepublikum professoral Country erklärt.
Basierend auf Cashs 2 Autobiografien ordnet Dobler das Werk des 1932 in Kingsland, Arkansas geborenen Sängers in den historisch-kulturellen Gesamtzusammenhang zwischen Weltwirtschaftskrise und 11.September 2001 ein und erzählt die Geschichte einer authentischen, rebellischen populären Musik, die Anfeindungen und Einengungsversuchen aus den eigenen Nashville-Reihen bis heute ebenso ausgesetzt ist, wie Verachtung von Außen.
Überzeugend arbeitet Dobler das Verhältnis von Country und Rock’n‘Roll heraus, zeigt Cash als Erfinder des Hotel-Vandalismus oder als ersten, der in den Gefängnissen der USA für die spielte, von denen seine Lieder handeln. Am Ende des Buches gibt es dann noch eine typische Dobler Geschichte: „Rhythm and Cocaine Blues“, in der der Schriftsteller Dobler noch einmal zeigt, warum sich sein Buch, im Gegensatz zu vielen anderen Musikbüchern, so gut liest: Doblers Sprache ist geschliffen und pointiert, seine Aussagen genau, sein Stil sicher.
Und: er begegnet den Geschichten, die Johnny Cash und all die anderen erzählen, als einer der selbst Geschichten erzählt, als einer, der genau
zuhören kann, weil er um die Kraft des Erzählten weiß.
Wer Dobler liest, hört hinterher anders zu. Garantiert, ansonsten: Cash
zurück!!!
Kunstmann, 272 Seiten, Broschur, 18.90 Euro,
ISBN 3 - 88897-302-3 – Cash verlangen, Cash hinlegen!
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